Berlin-Film-Katalog (in Vorbereitung)

Rarität des Monats Oktober 2014

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 9.-15. Oktober 2014 um 18 Uhr (am 13. Oktober begrüßten wir dazu Michael Klier und Laura Tonke) lief

 

Ostkreuz

D 1991 – 83 Min. – 16 mm (1:1,37) – Farbe
Regie: Michael Klier. Buch: Michael Klier, Karin Ǻström. Kamera: Sophie Maintigneux, Hervé Dieu. Musik: Fred Frith. Schnitt: Bettina Böhler, Birgit Berndt. Ausstattung: Irene Scholz, Andrea Greifsmühlen. Kostüm/Maske: Detlev Pleschke, Nana Rebhahn. Regieassistenz: Christian Hannoschöck. Ton: Klaus Klingler, Peter Henrici. Aufnahmeleitung: Frank Schneider.
Darsteller: Laura Tonke, Miroslaw Baka, Suzanne von Borsody, Stefan Cammann, Gustaw Barwicki, Henry Marcinkowski, Martin Trettau, Sophie Rois, Lutz Weidlich, Michael Krause.
Produktion: Michael Klier Film im Auftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens. Produktionsleitung: Elke Peters. Redaktion: Brigitte Kramer.
Erstverleih: Sputnik.

Erstaufführung: 27. Juni 1991, München (Filmfest).

Vorführung einer 35 mm-Kinofilm-Kopie.

Mit „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“, der Geschichte zweier junger Polen, die in West-Berlin ihr Glück suchen, hatte Michael Klier („Heidi M.“, „Farland“) 1989 auf sich aufmerksam gemacht. Zwei Jahre später, nachdem die Mauer gefallen war, drehte er mit teils dem gleichen Team „Ostkreuz“. Im Mittelpunkt dieses Dramas steht eine Halbwüchsige (Laura Tonke in ihrer ersten Filmrolle), die nach der Flucht aus dem Osten mit ihrer Mutter in einer trostlosen Containersiedlung lebt. Ebenso frühreif wie unsicher, versucht sie sich in einem sehr wüst und unwirtlich wirkenden Berlin der Zeit kurz nach der Wiedervereinigung zu behaupten und eine Perspektive für ihr Leben zu finden.

Unser Flyer zu diesem Film. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Weitere Informationen hier.

 

Unwirtlich und desolat

Mit seinem vorangegangenen, 1989 uraufgeführten Film „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“ hatte Michael Klier viel Aufmerksamkeit und Zuspruch erlangt. Nach dieser Geschichte zweier junger Polen, die noch zu Mauerzeiten in West-Berlin ihr Glück versuchen, entstand „Ostkreuz“ dann im Winter 1990/1991, teils wieder mit demselben Team: Sophie Maintigneux an der Kamera, assistiert von Hervé Dieu, Bettina Böhler als Cutterin, Miroslaw Baka in der männlichen Hauptrolle, um nur einige der wichtigsten Beteiligten zu nennen. Eine Neuentdeckung war Laura Tonke, damals sechzehn Jahre alt, die für „Ostkreuz“ zum ersten Mal vor der Kamera stand und mit der Hauptrolle der Elfie ihre Karriere starten konnte.

Um kurz die Zeitumstände in Erinnerung zu rufen: Ende 1990 waren die staatliche Einheit Deutschlands und die Wiedervereinigung Berlins vollzogen – etwas, das anderthalb Jahre zuvor kaum jemand für möglich gehalten hatte. Und viele in Ost wie West übrigens, das wird heute gern vergessen, auch nicht für wünschenswert. Die Ereignisse in Deutschland, wie in anderen Teilen Europas, hatten sich überschlagen, sich aber keineswegs so entwickelt, wie manche es erhofft hatten. Auf den enthusiastischen Aufbruch kurz nach dem Sturz der SED-Diktatur war inzwischen der Katzenjammer gefolgt: Es zeichnete sich ab, daß die nächsten Jahre sehr viel schwieriger werden würden als zunächst gedacht, Helmut Kohl war als Bundeskanzler im Amt bestätigt und der Anfang 1989 abgewählte Eberhard Diepgen erneut Regierender Bürgermeister Berlins geworden, und weltpolitisch zogen schon wieder dunkle Wolken auf – im Spätsommer 1990 hatte der von Saddam Hussein beherrschte Irak den Nachbarstaat Kuwait besetzt, im Januar 1991 begann der von den USA angeführte, mit großen Befürchtungen verbundene Krieg zur Beendigung dieser Okkupation. Aber zugleich war dies, so muß man aus heutiger Sicht anmerken, auch noch eine Zeit, in der nicht gleich allgemeine Hysterie ausbrach, wenn jemand in einem Lokal rauchte oder Jugendliche mal ein Bier tranken.

In „Ostkreuz“ – wo die gleichnamige S-Bahn-Station nie auftaucht, der Titel ist mehr metaphorisch zu verstehen – wird Berlin als ein so unwirtlicher, desolater Ort gezeigt wie in kaum einem anderen Film seit der frühen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. An ebendiese fühlte sich Michael Klier, der als Teenager selbst aus der DDR gekommen war und zusammen mit Karin Ǻström auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete, damals erinnert, also wollte er auch das Berlin des Winters 1990/1991 in gewisser Hinsicht als Trümmerlandschaft zeigen (die natürlich wiederum auch symbolisch zu verstehen ist). Als Vorbilder im Kopf hatte er dabei die kurz nach 1945 entstandenen „Trümmerfilme“, etwa Roberto Rossellinis „Deutschland im Jahre Null“, auf den es in „Ostkreuz“ eine deutliche Anspielung gibt: Der von seinen Eltern verlassene Junge, den Elfie trifft, heißt Edmund – wie die halbwüchsige Hauptfigur in „Deutschland im Jahre Null“.

Wie Michael Klier im Gespräch nach der Aufführung am 13. Oktober 2014 berichtete, war der Darsteller des Edmund in „Ostkreuz“, Stefan Cammann, ein echter „Trebegänger“, seinem fast noch kindlichen Aussehen zum Trotz bereits volljährig und zum Zeitpunkt der Erstaufführung des Films schon wieder verschollen gewesen. Auch spätere Versuche, ihn ausfindig zu machen – andere Filmproduktionen hatten sich an ihm interessiert gezeigt – scheiterten. Ursprünglich habe Edmund die Hauptfigur sein sollen und Elfie die jugendliche Stadtstreicherin. Wegen der nicht ganz problemlosen Zusammenarbeit mit Cammann und des Talents, das Laura Tonke rasch gezeigt hatte, seien die Rollen getauscht worden.

Seine Drehorte fand Klier nicht nur am Stadtrand, wo es ja häufig etwas trostlos ausschaut, sondern auch mitten in der Stadt: Wo West- und Ost-Berlin zusammentrafen und achtundzwanzig Jahre lang die Mauer verlaufen war, war faktisch eben auch oft Stadtrand gewesen, waren vom Krieg verursachte Brachen nicht wieder bebaut oder für die Errichtung der Mauer neue geschaffen worden. Das sieht man in „Ostkreuz“ zum Beispiel in einer Szene, die südlich des Spittelmarkts entstand, auf der Höhe Kommandanten-/Seydelstraße, mit den Hochhäusern der Leipziger Straße im Hintergrund. Oder, gegen Ende des Films, an der Leipziger Straße, wo gegenüber des preußischen Herrenhauses, in dem heute der Bundesrat sitzt, zu DDR-Zeiten angefangene und dann nicht fertiggestellte Plattenbauten standen. Das Filmtheater Vorwärts, dies noch als kleine heimatkundliche Anmerkung, befand sich in der heutigen Treskowallee, südlich neben dem Bahnhof Karlshorst – es war bereits 1987 geschlossen worden, 2001 wurde es mitsamt der es umgebenden Häuserzeile abgerissen. Und last but not least ist hier erfreulicherweise das inzwischen ebenfalls verschwundene Aussehen des S-Bahnhofs Alexanderplatz in seiner 1964 fertiggestellten Form festgehalten worden.

„Ostkreuz“ konnte trotz des Erfolgs von „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“ nur als Fernsehproduktion realisiert werden (wobei allerdings auch eine Rolle spielte, daß Klier sich nicht mit den zeitraubenden Mechanismen der Filmförderungsbürokratie aufhalten, sondern möglichst schnell mit dem Dreh beginnen wollte). Dementsprechend wurde der Film einer breiteren Öffentlichkeit zum ersten Mal im ZDF gezeigt, am 23. Juli 1991, rund vier Wochen nach seiner Uraufführung auf dem Münchner Filmfest. Schon damals etwas ungewöhnlich, heute wäre es fast sensationell, fand „Ostkreuz“ dennoch einen Verleih und kam Anfang 1992 in die Kinos.

Durch diese Konstellation erhielt der Film in der Presse eine Vielzahl von Besprechungen, wozu auch beitrug, daß sich damals die meisten Printmedien noch halbwegs ernsthaft mit dem Fernsehprogramm auseinandersetzten und es nicht nur Vorabberichte gab, sondern man auch Kritiken zwei Tage nach der Ausstrahlung brachte. In manchen Blättern wurde „Ostkreuz“ deshalb im Sommer 1991 innerhalb weniger Tage zweimal rezensiert – und im Januar 1992, zum Kinostart, ein drittes Mal. Die Einschätzungen deckten ganz die mögliche Bandbreite ab, vom Verriß bis zum Jubel, mit allen Schattierungen dazwischen. Zuweilen lobten die einen Kritiker gerade das, was die anderen bemängelten.

Jedenfalls erhielt auch dieses Werk Michael Kliers zahlreiche Preise, unter anderem zeichnete man seinen Schöpfer mit dem Bayerischen Filmpreis und mit dem Adolf-Grimme-Preis aus. Die Jury des letzteren schrieb zur Begründung: „Michael Kliers neuer Film zeichnet sich durch die Kombination von Kargheit und atmosphärischer Dichte aus. Eine besondere Herausforderung für den Regisseur bestand darin, das neue Berlin, nun ohne Grenzen, aber auch mit mehr Elend, durch die Augen eines 15-jährigen Mädchens zu zeigen. Die Jugendlichen werden knapp und ohne Sentiment gezeichnet. Der für viele harte und kalte Anfang eines neuen Geschichtsabschnitts wird mit einfachen Konstellationen und dichten Bildern erzählt.“

J.G.

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Quellen der filmographischen Angaben: http://www.filmportal.de/film/ostkreuz_8ac788c2c15243f9998809e437f96f92 (besucht am 15.9.2014; Angaben zu Filmlänge, Filmformat, Produktion, Erstaufführung und Erstverleih), Originalvor- und -abspann (alle weiteren Angaben).

Bilder: Michael Klier Film.

 

 

 

Rarität des Monats September 2014

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 4.-10. September 2014 um 18 Uhr lief

 

Das Leben beginnt

DDR 1959/1960 – 119 Min. (3254 m) – 35 mm (1:1,37) – Schwarzweiß
Regie: Heiner Carow. Buch: Kurt und Jeanne Stern. Kamera: Götz Neumann. Bauten: Willy Schiller. Bauausführung: Alfred Drosdek. Musik: Kurt Schwaen. Kostüme: Rosemarie Wandelt. Masken: Gerda Behrendt, Lothar Hiller, Sonja Urbanek. Ton: Max Sandler, Werner Klein. Schnitt: Ilse Peters. Regie-Assistenz: Ingrid Meyer. Kamera-Assistenz: Peter Süring. Aufnahme-Leitung: Günter Propp, Manfred Peetz.
Darsteller: Doris Abeßer, Erik Veldre, Wilhelm Koch-Hooge, Raimund Schelcher, Manja Behrens, Adolf Peter Hoffmann, Rolf Ludwig, Hans Lucke, Marga Legal, Gertrud Brendler, Horst Kube, Hartmut Reck, Gisela May, Inge Keller, Ruth-Maria Kubitschek, Peter Kiwitt, Albert Hetterle, Hans Klering, Micaëla Kreißler, Peter Festersen, Horst Lampe und andere.
Die Schlußszene aus „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht, Musik Paul Dessau, aus der Aufführung des Berliner Ensembles spielt Helene Weigel.
Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Produktionsleitung: Erich Albrecht.
Erstverleih: Progress.

Erstaufführung: 8. April 1960, Berlin, Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz.

Heiner Carow, der am 19. September 85 Jahre geworden wäre. wurde bekannt vor allem durch DEFA-Spielfilme wie „Die Legende von Paul und Paula“, „Ikarus“ oder „Coming out“, die das Leben in der DDR kritisch beleuchteten und von kommunistischen Betonköpfen entsprechend befehdet wurden. Zu Beginn seiner Karriere inszenierte er jedoch auch Streifen, die eher plumpe Propaganda aufwiesen, welche teilweise die Grenze zur unfreiwilligen Komik berührte. So schildert das im April 1960 uraufgeführte Drama „Das Leben beginnt“ den Leidensweg einer jungen Frau, die mit ihrem Vater – einem Arzt, der dem Vergangenen nachhängt – die DDR über die noch offene Berliner Sektorengrenze verläßt, um zunächst bei Verwandten in Dahlem unterzuschlüpfen. In West-Berlin warten auf sie moderne Kunst, Massenekstase zu Rock’n’roll-Klängen, windige Journalisten, böse Reiche, Sittenverfall, Unmoral und andere schlimme Dinge – kurzum: das übliche West-Berlin-Bild der DEFA-Produktionen jener Jahre. Im Ost-Berliner Massenblatt „Filmspiegel“ zeigte sich Karl-Eduard von Schnitzler, der damals auch als Filmkritiker tätig war, von „Das Leben beginnt“ begeistert, beklagte jedoch, das Leinwanddrama komme zu spät: Längst verließen ja gar nicht mehr so viele Menschen den SED-Staat, sondern flüchteten viel mehr Deutsche aus dem Westen in die DDR. Sechzehn Monate später wurde die Mauer gebaut.

Unser Flyer zu diesem Film. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

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Vom Weg in den Untergang

Die hohe Zahl von Menschen, die die DDR in Richtung Westen verließen, war eines der größten Probleme für den jungen SED-Staat. Zwar war die Zahl der im Westen registrierten Flüchtlinge von fast 280.000 im Jahre 1956 auf rund 144.000 anno 1959 gesunken. Dann stieg sie aber wieder stark an: 1960 zählte man fast 200.000 Flüchtlinge und 1961 bis zum Mauerbau am 13. August mehr als 155.000. Eine Rolle spielte dabei das Bestreben der SED, die Landwirtschaft in der DDR vollständig in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zu organisieren, also keinen einzigen Landwirt als selbständigen Unternehmer übrig zu lassen, wofür auch jede Menge Druck und rabiate Methoden angewandt wurden.

Angesichts des ständigen Flüchtlingsstroms kam einem Filmprojekt wie „Das Leben beginnt“ natürlich besondere Bedeutung zu, zumal totalitäre Regime gern dem Irrtum aufsitzen, mit Propaganda Berge versetzen zu können. Als Drehbuchautoren für diesen Film fungierten Jeanne und Kurt Stern, Kommunisten schon seit der Zwischenkriegszeit – der 1907 in Berlin geborene Journalist und Schriftsteller Kurt Stern hatte seine ungefähr gleichaltrige französische Frau in Berlin kennengelernt und war 1932 mit ihr zum Studium nach Paris gegangen. Die Sterns besaßen zwar aus kommunistischer Sicht den Schönheitsfehler, daß sie die Zeit des Nationalsozialismus im westlichen Exil verbracht hatten und nicht in der Sowjetunion. Dennoch konnten sie sich schnell etablieren, nachdem sie 1946 nach Deutschland zurückgekehrt waren, natürlich in die sowjetische Besatzungszone.

Für die DEFA schrieben sie das Drehbuch zu dem 1952 uraufgeführten Propagandadrama „Das verurteilte Dorf“, in dem geschildert wird, wie ein bayerisches Dorf zerstört werden soll, weil die Amerikaner an seiner Stelle eine Luftwaffenbasis anlegen wollen. Die Sterns lieferten aber auch das Skript zu dem 1954 von Slatan Dudow inszenierten Film „Stärker als die Nacht“ über einen unerschrockenen kommunistischen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus – selbiger übrigens gespielt von Wilhelm Koch-Hooge, der in „Das Leben beginnt“ den gen Westen strebenden Arzt und Vater gab. Nach „Das Leben beginnt“ – diese Geschichte erschien auch als Taschenbuch im Aufbau-Verlag – entstand nur noch ein DEFA-Film nach einem Drehbuch von Jeanne und Kurt Stern: 1962 die abendfüllende Dokumentation „Unbändiges Spanien“, bei der das Paar auch für die Regie verantwortlich zeichnete. Kurt Stern starb 1989, am 3. September, seine Frau 1998.

Es überrascht etwas, daß die Regie bei einem solchen, für die SED so wichtigen Filmprojekt nicht einem älteren, auch mit Propagandadramen erfahrenen Mann übertragen wurde. Kurt Maetzig etwa – der ungefähr zur gleichen Zeit den Science-Fiction-Film „Der schweigende Stern“ drehte. Oder Slatan Dudow – 1959 beschäftigt mit der unter jungen Leuten spielenden Beziehungskomödie „Verwirrung der Liebe“. Heiner Carow hingegen war damals gerade dreißig und hatte erst zwei abendfüllende Spielfilme inszeniert: Die Benno-Pludra-Adaption „Sheriff Teddy“, die zeigt, wie sich ein halbwüchsiger West-Berliner Rabauke zum guten Menschen wandelt, nachdem seine Eltern mit ihm in den Ostsektor gezogen sind. Und „Sie nannten ihn Amigo“ über einen Teenager, der einem geflohenen KZ-Häftling hilft, dann von den Nazis selbst ins Lager gesteckt wird, aber ein Happy End erlebt als Panzerfahrer bei der „Nationalen Volksarmee“ der DDR.

Beide Filme hatten in Berlin gespielt, und dort angesiedelte DEFA-Gegenwartsproduktionen aus der Zeit vor dem Mauerbau thematisierten eigentlich immer in irgendeiner Weise die Teilung der Stadt in den guten, aufbaufreudigen Osten und den immer weiter verludernden Westen, wo Elend und Unmoral herrschen würden. Dabei ähnelte das DEFA-Bild von West-Berlin bemerkenswert dem Bild, das in NS-Propagandafilmen vom Berlin der Weimarer Republik gezeichnet wurde: Arbeitslosigkeit und Sittenverfall, Prostitution und finstere politische Umtriebe, moderne Kunst, ekstatische Tänze zu wilden Rhythmen in zweifelhaften Lokalen, gern auch mit viel nacktem Frauenfleisch – allerdings wurde im Laufe der fünfziger Jahre der Jazz als anklagend vorgeführte, die Jugend verderbende „Negermusik“ durch den Rock’n’Roll ersetzt. Slatan Dudows bereits erwähnter „Verwirrung der Liebe“ stellte eine bemerkenswerte Ausnahme von dieser DEFA-Berlin-FIlm-Regel dar, in diesem Streifen wurde West-Berlin ignoriert, womit er schon in die Zeit nach dem Mauerbau wies, als die so lange so heftig bekämpfte andere Hälfte der Stadt für die DEFA meist ebenso zum weißen Fleck wurde wie auf den Ost-Berliner Stadtplänen.

Die Uraufführung von „Das Leben beginnt“ fand am 8. April 1960 im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz statt – damals das wichtigste Uraufführungskino in Ost-Berlin. Die repräsentativen Neubauten Kosmos und International, die später diese Funktion übernahmen, wurden erst 1962 bzw. 1963 eröffnet. Dummerweise war zum Zeitpunkt der Premiere Ruth-Maria Kubitschek schon in den Westen gegangen – aber womöglich hoffte man noch auf ihre Rückkehr und tilgte deshalb nicht wenigstens ihren Namen aus dem Vorspann.

Die Reaktionen der Kritiker in den Ost-Berliner Blättern waren positiv bis begeistert. Wobei man natürlich fragen kann, wie weit es damals ratsam oder überhaupt möglich gewesen wäre, einen solchen Film, der ja eine für Staat und Partei wichtige Funktion erfüllte, anders zu beurteilen. Erst recht, nachdem Horst Knietzsch, über Jahrzehnte hinweg der tonangebende Filmkritiker im „Neuen Deutschland“, dem Zentralorgan der SED, ausführlich applaudiert hatte. Knietzsch schrieb in der Ausgabe vom 10. April 1960:

Auf diesen Film haben wir lange gewartet. Wir wünschten ihn uns, weil die in ihm gestalteten Konflikte in unserem Leben eine große Rolle spielen. Und Antwort auf bewegende Fragen unserer Tage erwarten wir nicht nur von den Politikern, sondern auch von den Künstlern.

Jeder Deutsche weiß, daß die von der Ostsee bis zum Bayrischen Wald verlaufende Grenze der Deutschen Demokratischen Republik keine Staatsgrenze schlechthin ist. Sie trennt Menschen des gleichen Volkes mit ihren tausendfachen Bindungen, der gleichen Sprache. Sie trennt aber auch, und daran kann niemand vorbeigehen, zwei gegensätzliche gesellschaftliche Systeme. Wenn man so will, haben beide vor der Geschichte eine Probe zu bestehen. Wir wissen, daß dem jungen sozialistischen Deutschland die Zukunft gehört, weil es die besseren Argumente in die Waagschale zu werfen hat. Doch die besseren Argumente bewahren nicht alle Menschen in unserem Staat in dieser historischen Auseinandersetzung vor persönlichen Irrtümern, vor Tragödien des Herzens und des Verstandes. Der Republikflüchtige geht nicht in einen anderen Teil Deutschlands, er geht in das Lager der Feinde unseres Arbeiter-und-Bauern-Staates. (...)

Knietzsch erwähnt Helmut Käutners 1955 entstandenen Film „Himmel ohne Sterne“, der ebenfalls eine Ost-West-Liebesgeschichte erzählte, bei der jedoch die bürgerliche Sicht (...) nur Raum für die Tragödie gelassen habe.

Der sozialistische Künstler wird, in Kenntnis der gesellschaftlichen Zusammenhänge und der Perspektive der politischen Entwicklung in beiden deutschen Staaten, zu ganz anderen künstlerischen Verallgemeinerungen gelangen. Er wird den Nachweis führen, daß Menschen an dieser Grenze, so bitter sie auch ist, nicht zwangsläufig zugrunde gehen müssen. Die Existenz der DDR schließt objektiv die tragische Lösung dieses Konfliktes aus. So ist dieser Film ein kraftvolles Bekenntnis zum sozialistischen Leben. Das gibt ihm seine Bedeutung. Er bestärkt uns in der Gewißheit, Bürger eines Staates zu sein, dem die Zukunft gehört.

Von all dem wird in diesem Meisterwerk der DEFA weder geredet noch doziert. In der dem Film gemäßen Form der Bilderzählung lassen uns die Autoren Jeanne und Kurt Stern an Schicksalen teilnehmen, die uns nicht unbekannt sind. In diesem Film steht der Mensch im Mittelpunkt. Doch werden keine subjektivistischen Gefühle abreagiert, sondern in jeder Person der Handlung wird hinter dem Besonderen das Allgemeine sichtbar.

Knietzschs Fazit: Ein großer Film ohne Rezepte, ein Film voll dramatischer Konflikte und optimistischer Kraft.

Wie Heiner Carow diesen Stoff auf die Leinwand gebracht hat, verdient hohe Anerkennung. Carow, einer der jungen Regisseure der DEFA, gehört heute zu den Künstlern, deren Filme künstlerisches Profil besitzen, auch wenn das eine oder andere Detail in ihnen noch nicht durchgängig mit Feinheit ziseliert ist. (...)

Mit diesem Film haben die beteiligten Künstler wesentliche Konflikte unseres Lebens gestaltet. Ihr Film regt an zur eigenen Meinungsbildung und fördert die Entscheidung für das sozialistische Leben. Wir haben dafür herzlich zu danken.

Damit war der Tenor vorgegeben, den die meisten anderen Rezensenten brav wiederholten, bis hin zur Danksagung oder zur Gratulation: Wir freuen uns über diesen politisch wichtigen, ausgezeichneten Film, der überzeugend deutlich macht, daß unserem Staat die Zukunft gehört, und wir gratulieren seinen Schöpfern – und dem Publikum. hieß es im „Sonntag“ vom 17. April 1960. (...) wir (...) gratulieren den Schöpfern dieses Films (...) sehr herzlich. So sagen wir allen am Film Beteiligten ein herzliches Dankeschön, in der „Jungen Welt“ vom gleichen Tag, wo schon die Überschrift lautete: Wir können gratulieren!

Besonders interessant ist, daß man offenkundig bereits bemerkt hatte, wie unbeliebt DEFA-Propagandafilme bei vielen DDR-Bewohnern waren. So wurde in verschiedenen Besprechungen betont, dieser Streifen sei völlig anders als ähnliche, etwa von Günter Sobe in der „Berliner Zeitung“ vom 12. April 1960: Der neue Film hat ganz entscheidende Vorzüge gegenüber manchem früheren der DEFA: Hier handeln Menschen mit echten Charakteren. Sie stehen für ihre Sache, machen Richtiges und Falsches. Aus ihrer Anlage entwickeln sie sich folgerichtig und handeln danach. Was gut ist und was böse, das wird nicht postwendend nach der Tat aufdringlich kommentiert, das bestätigt sich aus dem Verlauf der Handlung. Es gibt gewagte, harte Gegenüberstellungen, die in einem künstlerisch schwachen Film leicht in das Gegenteil ihrer beabsichtigen Wirkung umschlagen können. Hier beginnen die Verdienste des Regisseurs Heiner Carow.

Oder Wolfgang Joho im „Sonntag“ vom 17. April 1960: Weit mehr als unsere Romanliteratur hat der Film eines der brennendsten Probleme unserer Zeit behandelt: das Thema des geteilten Landes. Aber trotz gelungener Versuche krankte die Mehrzahl der Filme an einer wesentlichen Schwäche: Die Darstellung der beiden Welten, die sich auf deutschem Boden gegenüberstehen, die Schilderung der unterschiedlichen Menschen und Verhältnisse wirkte oft allzu schematisch und die Fabel zu konstruiert, um nachhaltig überzeugen, packen, erschüttern zu können. Es erscheint mir als das größte Verdient der Schöpfer dieses Films und als Zeichen für die wachsende Qualität unserer Filmproduktion, daß hier die erwähnte Schwäche überwunden und das Ost-West-Problem in gültiger Weise gestaltet wurde.

Was aber eigentlich gesagt werden sollte, gab am besten Ilse Rodenberg, „Leiter“ des Berliner Theaters der Freundschaft und damit des Zentralen Kinder- und Jugendtheaters der DDR, wieder – in der „Jungen Welt“ vom gleichen Tag: Besonders beeindruckt mich, daß es den Schöpfern des Films gelungen ist, in gerader, konsequenter Linie die tiefe, grundsätzliche Wahrheit aufzuzeigen, daß jeder, der glaubt, sich von unserem neuen Leben trennen zu müssen, in der Endkonsequenz den Weg in den Untergang geht. Diese Erkenntnis zu vermitteln, scheint mir, die ich oft mit jungen Menschen in unserer Deutschen Demokratischen Republik zusammen bin, aber auch mit jungen Menschen aus dem anderen Teil Deutschlands, eine nationale Tat zu sein.

Karl-Eduard von Schnitzler, der sich damals auch als Filmkritiker betätigte, feierte „Das Leben beginnt“ im Massenblatt „Filmspiegel“ natürlich ebenfalls, bedauerte, aber, daß das Werk zu spät komme: Längst flüchteten ja viel mehr Menschen aus Westdeutschland in die DDR als von Ost nach West gingen. – Vermutlich wurde deshalb, um sich dieses enormen Flüchtlingsstroms aus dem dem Untergang geweihten „Adenauer-Staat“ zu erwehren, sechzehn Monate später die Mauer gebaut.

Vorher hatte übrigens Doris Abeßer in einem weiteren „Republikflucht“-Drama die weibliche Hauptrolle gespielt: In Kurt Maetzigs „Septemberliebe“, unserer Berlin-Film-Rarität des Monats September 2012, der für die Denunziation im allgemeinen und die Stasi im besonderen warb. Hans Lucke, der in „Das Leben beginnt“ einen verständnisvollen Lehrer spielt, gab in „Septemberliebe“ den netten, jovialen Herrn vom MfS, dem man sich bedenkenlos anvertrauen sollte, wenn der Liebste Anstalten macht, aus dem Arbeiter-und-Bauern-Paradies zu türmen.

J.G.

 

 

Quellen der filmographischen Angaben: http://www.filmportal.de/film/das-leben-beginnt_02b170136ae848589fddbbe37559686b (besucht am 21.8.2014; Filmlänge, Filmformat), „Neues Deutschland“ vom 8. April 1960 (Angaben zu Erstaufführung und Erstverleih), Originalvorspann (alle weiteren Angaben).

Bilder: DEFA-Stiftung/Hans Bernd Baxmann.